Im Laufe der zwölf Wochen, während ein Schock den nächsten jagte – jedes Mal, wenn ein heißer Favorit ausschied, musste Alexandra sich ständig kneifen, um sich daran zu erinnern, dass die Show zwar für viele nur Reality-TV war, für sie selbst aber ein ziemlich besonderer Abschnitt ihres wahren Lebens. Das Finale rückte näher, das spektakuläre große Finale, die Krönung der neuesten Sensation, und sie war immer noch mit dabei, kaute hinter der Bühne auf ihren Nägeln und bereitete sich darauf vor, gemeinsam mit ihrem Idol Beyoncé zu singen: „To have all my dreams come true on one night“. Und noch immer konnte sie das Ganze nicht wirklich glauben. Auch heute noch kann sie sich das Videomaterial des Moments ihres Sieges ansehen und dabei das Adrenalin und die ansteigende Spannung fühlen, obwohl sie den Ausgang bereits genau kennt. „Jedes Mal, wenn ich mir das Casting ansehe, kommen mir die Tränen. Wenn ich mich in den Live-Shows sehe: Tränen. Und wenn ich meinen Sieg sehe: Sooooooo viele Tränen. Ich bin ein emotionaler Mensch und ich habe keine Angst, das zuzugeben. Bei allem, was ich tue, bin ich zu 100% bei der Sache. Und das muss ich auch. Wenn ich an etwas nicht glaube, kann ich es nicht tun.“
Die Fakten sprechen für sich: 12 Monate sind vergangen, ein Star ist geboren und Alexandra Burke singt nicht länger mit Beyoncé im Duett. Jetzt konkurriert sie mit ihr.
Schon die allerersten Klänge ihres makellos-frechen ersten Songs, dem futuristischen Disco-Hit „Bad Boys“, beweisen, dass das Realitäts-Fernsehen hier einen Star hervorgebracht hat, der bereit für die großen Bühnen der Welt ist. Der unwiderstehliche Ohrwurm hat das Zeug, Alexandra von der tapferen X-Factor-Kandidatin zur Marktführerin zu machen. Als der US-Rapper Flo Rida sich spontan entschloss, bei dem Song mitzuwirken, war dies das endgültige Zeichen für internationale Anerkennung. Und diese Anerkennung hatten viele bereits vorhergesagt, als sie mit ihren kühl-gefühlvollen Interpretationen von Pop-Songs und Klassikern wöchentlich 13 Millionen Zuschauer in Trance versetzte. Auch wenn Alex selbst die Situation noch immer nicht ganz realisiert hat – für alle, die zu ihrem ersten Hit die Hüften schwingen, ist längst klar: Hier ist jemand gekommen um zu bleiben.
Mit gerade mal 21 Jahren und einem bewusst verschmitzten Glitzern in ihren Augen, hat Alexandra Burke eines der heißesten Pop-Debütalben des Jahrzehnts aufgenommen. Ihr ganzes Leben hat sich im Laufe der letzten sechs Monate schlagartig geändert: Es geht nicht mehr um die Art und Weise, wie sie ins Licht der Öffentlichkeit geraten ist, sondern um ihre Art, ihre Rolle dort nun wahrzunehmen – um den Ruhm, der auf ganz natürliche Art zu ihr passt. Eine ordentliche Reihe von erstklassigen Produzenten in Amerika und Europa hat sich zusammengefunden, um mit dem Mädchen mit der goldenen Stimme zusammenzuarbeiten. Choreographen aus der allerersten Liga stehen ihr bei, um ihr außerordentliches Bewegungstalent noch weiter auszubauen. Die Medien haben sich auf sie gestürzt. Alexandra Burke, Version 2.0 – Remix 09 – ist bereit abzuheben.
Für ein Mädchen aus den bescheidenen Verhältnissen eines Sozial-Wohnblocks im Norden Londons übertraf das vergangene Jahr alle möglichen Träume. Nachdem sie gemeinsam mit ihren ehemaligen X-Factor-Mitstreitern einige Arenen ausverkaufte, trieb es sie zunächst nach New York und dann nach LA, um einige Träume in die Wirklichkeit umzusetzen. „In Amerika wurde ich ins kalte Wasser geworfen. Die ersten Leute, mit denen ich dort zusammenarbeitete, waren die Produzenten Stargate. Natürlich war ich ängstlich. Ich wusste nicht, wie ich mit der Situation umgehen sollte. Vorher war ich wie ein großer Fisch in einem kleinen Teich und plötzlich hatte ich ein neues Label und ein neues Management und dann waren auf einmal diese furchteinflößenden Produzenten da (Roc Nation, Red One, Stargate und The Freemasons). Alles um mich herum war neu. Ich musste mit all diesen Leuten so schnell Beziehungen eingehen.“ Was Alex stark ermutigte, war die zentrale Rolle, die sie für all diese neuen Menschen spielte. „Ich fing schon sehr bald an, mein Team zu lieben, denn die ganze Arbeit baute darauf auf, dass sie mir zuhörten. Von Anfang an sagten sie mir, dass nichts funktionieren würde, wenn es nicht von mir käme.“
Sie spielte mit Ideen, um einen Sound zu finden, der zu ihr passte. Eine Woche lang beschäftigte sie sich mit alten Motown-Songs bevor sie die Idee verwarf und sich einem frischen Ansatz für ihre Musik zuwandte, der von innen kam. „Ich sagte meinem Manager, dass meine Musik fröhlich, dynamisch und gewagt sein sollte. Ich will, dass sie meine Persönlichkeit widerspiegelt. Sie soll direkt sein, sie soll wild sein. Ich will, dass sie energiegeladen und lustig ist. Wenn ich Balladen aufnehme, möchte ich weinen. Und wenn die Aufnahme dieses Albums für mich wie eine Achterbahnfahrt ist, soll sich auch der Hörer wie auf einer Achterbahn fühlen. Genau das sagte ich in einem Meeting auch zu Simon Cowell und ich konnte die Erleichterung in seinem Gesicht sehen. Er sagte: ‚Was immer du tust, es muss aus dem Herzen kommen.’“
Und woher sollte es auch sonst kommen? Als sie zum ersten Mal mit Lady GaGa-Produzent Red One zusammentraf, hatte dieser schon ein Set von fertigen Tracks zusammengestellt, von denen er glaubte, dass sie zu ihr passen würden. „Und nach fünf Minuten warf er sie alle in die Tonne und wir fingen von vorn an. Er sagte zu mir, ‚Du bist nicht das Mädchen, das ich mir vorgestellt habe.’ Ich fragte ihn, ‚Wie hast du dir mich vorgestellt? Ruhig?’ Ich sagte ihm, dass meine Songs ermutigend für Frauen sein sollen und er hat mich sofort verstanden.“ Zusammen komponierten sie den ersten einer ganzen Reihe von Hits, einen vergnügten Dancefloor-Kracher mit elastischem Groove. Der Titel: „Broken Heels“. „Der Song war der erste, bei dem ich wusste, dass ich meinen Sound gefunden hatte.“
Ihr Sound ist auf „Bad Boys“ perfekt ausgereift, aber das trifft auf eine ganze Reihe von Songs zu. Man könnte es Techno-Future-Pop des 21. Jahrhunderts nennen. Nachdem Alexandra einen Sound gefunden hatte, der sie von Standard-Radiomustern abhob, machte sie sich an die naheliegende nächste Aufgabe: ein Album zusammenzustellen, auf das sie stolz sein kann, das sie sich anhören kann, das alle Facetten ihres bisherigen Lebens darstellt. „Ich sage den Leuten, hört zu, schlafen kann ich, wenn ich tot bin. Ich muss das jetzt machen und dabei alles einbringen, was ich habe.“
Was dabei herauskam, waren von Anfang an außergewöhnliche Songs. „Dumb“ kam mit seinem modernen Dancehall-Groove und einem Hammer-Refrain aus den Lautsprechern geschossen. Die gefühlvolle Ballade „Silence“ („Es geht darum, von einem Mann nichts als Schweigen zu bekommen. Das ist uns doch allen schon passiert, oder nicht?“) und das unglaubliche Soulstück „Perfect“ („Ich komme aus Nord-London und bin in einer Sozialwohnung aufgewachsen. Manchmal fluche ich, manchmal kann ich etwas vulgär sein. Ich gehe gern in Clubs und trinke hin und wieder auch mal. Ich bin ein junges Mädchen. So bin ich. Ich bin nicht perfekt, aber das ist niemand“) stellten ihr die Nackenhaare auf.
„Bad Boys“ entstand am Ende der zweieinhalb Monate langen Aufnahmezeit, die Alexandra in sämtliche Teile dieser Welt brachte. „Mein A&R-Manager und ich waren im Hotel, als wir zum ersten Mal von diesem Song hörten. Den Titel fand ich von Anfang an toll. Als ich im Studio die erste Strophe gesungen hatte, machte ich eine Pause und sagte zu den Produzenten, The Phantom Boys, ‚merkt ihr was für einen Bezug ich zu diesem Song habe?’ Ich hatte sofort ein gutes Gefühl. Genau so bin ich! Ich suche mir die bösen Jungs. Ich suche mir die Jungs, die nicht gut für mich sind. Das Demo klang richtig und ich ging zurück nach New York, um den Song aufzunehmen. Ich wusste einfach, dass das die erste Single werden musste. Ich schrieb Simon eine SMS: ‚Bad Boys als erste Single?’ und er antwortete sofort ‚Auf jeden Fall’.“ Im Studio in LA traf Alex auf ihren Gast-Rapper. „Er trug eine Sonnenbrille und ich sagte „Flo, siehst du hier irgendwo Sonne?“ So brach das Eis. Er nahm die Brille ab und lächelte, dann setzte er sie wieder auf. Das war’s. Ich musste einfach in seine Augen sehen. Wir hatten direkt eine Verbindung. Er brachte alles auf die nächste Ebene.“
Und genau das wird auch Alexandra Burke mit der Veröffentlichung ihres ersten Albums in diesem Herbst tun. Noch gibt es eine Hürde, die es zu überwinden gilt. Und wenn man noch Beweise für Alex Engagement für ihre Arbeit braucht, dann könnte diese wohl niemand deutlicher formulieren als sie selbst: „Wieder auf der X-Factor-Bühne zu stehen wird surreal sein. Ich will diese Bühne beherrschen. Ich will dieses stundenlange lächerliche Training. Ich werde nervös sein. Das ist mir bewusst. Aber ich will die Nervosität genau wie im Finale letztes Jahr nehmen und beherrschen. Im Laufe des letzten Jahres habe ich so viel gelernt und jedes Detail dieses Wissens muss jetzt in meinen Auftritt einfließen. Das ist nur der Anfang.“







