„Ich habe in diesem Semester mein gesellschaftliches Leben wirklich komplett geopfert“, erklärt Mike Posner, das Produzenten- und Gesangs-Wunderkind, das sein Wirtschafts- und Soziologie-Studium im Mai 2010 ein Semester vorzeitig mit einem Notendurchschnitt von 3,5 abschloss. Doch dann muss der 22-jährige, der jüngst mit seinem Mixtape „A Matter Of Time“ Furore machte, das im März bei iTunesU veröffentlicht wurde und im Summer sein Debütalbum bei J Records veröffentlichen wird, ziemlich verschmitzt grinsen. Es ist das Grinsen eines College Kids, dem völlig bewusst ist, dass er eine große Zukunft vor sich hat - und sagt: „Ich denke, dass ich mir jetzt einige Dinge durchaus verdient habe.“
Als da wären: Props von Kanye und Jay Z, Songs mit Kid Cudi und Wale, Auftritte mit den Gym Class Heroes und Ben Folds, sowie eine eingeschworene Schar an Anhängern, die jede Zeile seiner Songs zu kennen scheint, obwohl diese bislang noch gar nicht offiziell veröffentlich sind. Großartige Gedanken, warum sein kunterbunter GenreMix-Sound, in dem sich Elektro-Pop-Elemente ebenso finden wie Southern HipHop, Soul und R&B, so extrem populär ist, macht sich Posner jedefalls nicht. Wozu auch?
„Ich mache doch nur Popmusik, die nicht altmodisch ist und für die man sich nicht schämen muss - keine ‚Guilty Pleasure’-Musik eben“, erklärt er. „Ich mache eigentlich nichts anderes, als all die anderen Popmusiker auch – mit einem Unterschied: ich muss nicht um den Verlust meiner Credibilty fürchten“. Diese beruht auf seinen Laser-scharfen Songwriting- und Produktions-Skills, und Texten, die genauso clever und smart sind wie die Grooves und Akkorde, in denen sie sich tummeln. Und singen tut er auch: mit einer unverkennbaren, raspeligen Tenor-Stimme, irgendwo zwischen Daniel Merriweather und Macy Gray.
Kein Zweifel: Mike Posner hat Talent. Und das macht ihn zu recht selbstbewusst. „Mach das Ding klar, ganz alleine, produziere es, schreib es ohne fremde Hilfe – und die Leute werden magisch davon angezogen sein“, erklärt er. Manchmal klingt diese Selbstsicherheit wie eine Kampfansage. Trotz des unüberhörbaren Pop-Flavours durchwirkt Posners Musik ein Existenzialismus-Flair, das bei einem Menschen seines Alters durchaus überrascht. Diese Spannung ist es auch, die seinen Song „Cooler Than Me“ antreibt – eine Pop-Ode an einen ehemaligen Schwarm, irgendwo zwischen Auf-Nimmerwiedesehen-Arschtritt und hoffnungslos naiver Besessenheit. „I hope you like this, but you probably won’t“ singt er zu einem Arrangement aus akustischer Gitarre und fetten Beats.
Posner scheut sich nicht, seine Einflüsse und seine Quellen zu benennen, gerade auch, weil er diese mit seiner Arbeit nachträglich veredelt. Samples aus anderen Stücken zu verwenden, offenbart nicht nur seine unumwundene Liebe zur Popmusik, es unterstreicht auch seine Ambition, der Kunstform neues Leben einzuhauchen. Nehmen wir z.B. „Halo“: Posners funkelnde Street-Beat-Version von Beyoncés Schlussmach-Song ist dermaßen erfrischend, dass Evan Bogart, der Produzent des Originals, ihn sofort anrief und ihn um eine Studiosession bat. Auf „Evil Woman“ befreit er das Original des Electric Light Orchestras von allem überflüssigen Schnickschnack, behält lediglich den Refrain und die Akkordfolge, und rap-singt über einen lebhaften Beat. „Still Not Over You“ ist die soulige Überarbeitung des The-Fray-Hits „Over My Head“ – ersetzt allerdings das Emo-Drama des Originals dreist durch schmutzige Southern-HipHop-Großspurigkeit: “Remember babe I wrote you all those love poems in seventh grade ... I don’t want to see them up for sale on eBay, don’t put them on eBay.”
Posner scherzt natürlich, aber es steckt auch durchaus eine Portion Ernst in seinen Songs. Seine Fans sind jedenfalls schon komplett aus dem Häuschen. Als ihm die Organisatoren eines Konzerts im vergangenen Jahr den Sound abdrehten, weil das Zeitlimit überschritten war, brüllten hunderte von Studenten spontan den Song für ihn zu Ende. Die Posner-Fanbase fand sich alleine durch Mund-zu-Mundpropaganda zusammen, alles begann mit einem großen Freunde-Netzwerk. „Die Marketing-Strategie für mein Mixtape war einfach: ich stelle das Ding auf iTunesU und sage meinen Freunden, sie sollen allen ihren Freunden Bescheid sagen. Die Leute mochten die Musik tatsächlich – nicht nur einen einzelnen Song“, erinnert er sich.
Im Frühjahr 2009 trat Posner bereits bei Campus-Konzerten im ganzen Land auf, z.T. vor Hunderten von Fans, die ihm nicht nur die Herzen, sondern auch ihre Zimmertüren als Schlafplatz öffneten. Wenn er heute auf Tour geht, zieht er oft die Couch eines Fans einem Hotelzimmer vor. „Wenn ich in einem College auftrete, wird erwartet, dass ich Party mache, egal, ob ich am nächsten Morgen weiterfliegen muss. Das ist ziemlich cool – ich fühle mich überall wohl.“
Das gilt auch für seine Musik: Posners größtes Talent ist wohl sein großartiges Gespür für Pop, das es ihm ermöglicht, im gesamten musikalischen Spektrum Brauchbares zu orten. Es ist das Ergebnis einer Kindheit und Jugend ohne Filter, in einem Wirbelsturm musikalischer Einflüsse. Posner wuchs in einer jüdischen Familie in Southfield, Michigan, außerhalb Detroits auf, wo er rund um die Uhr mit Motown-Musik beschallt wurde. „Mein Vater war zwar ein Grateful-Dead-Fan, ein ‚Deadhead’, aber er hatte einen wirklich interessanten Musikgeschmack: B.B. King, Marvin Gaye und Luther Vandross – zeitweise sogar die Counting Crows. Die hörten wir bei Ausflügen im Auto, noch bevor sie richtig berühmt wurden.“
Im Alter von fünfzehn nahm er im Sommer an einem Bandcamp teil, wo es ihm schnell das Schlagzeug angetan hatte. Doch die gründlichste Ausbildung, was das kleine und große ABC des Hit-Machens angeht, erfuhr er auf den täglichen Busfahrten zur Schule. „Ich hatte eines dieser riesigen CD-Bücher und ich hörte mir einfach ALLES an“, sagt Posner. Und schon rattert er die Name herunter: Led Zepplin, Nas, Pearl Jam, Talib Kweli, Paul Simon, Elton John, Billy Joel, Outkast, Eric Clapton und Nirvana – eine Liste, die nicht nur seine musikalische Bandbreite erklärt, sondern auch seine Perfektion als Produzent. Oder in anderen Worten, wie er selbst sagt: „Ich weiß, wenn etwas dope ist.“
Ein Sommer-Praktikum in einer HipHop-Radiostation in Detroit nach seinem ersten College-Jahr schadete seiner Musik-Erziehung ebenso wenig. Damals machten seine Eltern noch einen großen Bogen um die Beats, die aus seinem billigen Keyboard und seinem Computer kamen. Heute, viele Keyboards und Sampler später, ziehen sich seine Leute „Cooler Than Me“ ab und zu im Auto rein. „Endlich mag meine Mutter etwas, das ich gemacht habe“, sagt er stolz.
In seinem Freundeskreis verlief es ganz ähnlich. „In der Highschool hatte ich keine Crew, ich war aber irgendwie bei jeder Crew dabei. Ich hing mit den schwarzen Kids rum, in der nächsten Stunde mit den jüdischen Kids, oder mit den American-Football-Typen“, erzählt er, „ich habe mich immer über Grenzen hinweggesetzt.“
Für jemanden wie Posner, der das Prinzip der Kategorien ablehnt, ist es auch kaum verwunderlich, dass er eich im vergangenen Jahr entschied, mit dem Singen anzufangen. „Viele Produzenten schickten ihre Beats an Sänger – aber ich kannte keine Sänger. Ich sang zwar oft selbst, aber immer mit dem Gedanken im Hinterkopf, dass mein Gesang sowieso später von jemand anderem ersetzt werden würden. Aber als ich mit der Zeit immer mehr Hooklines schrieb, hatte ich letztendlich einen ganzen Haufen Songs, die zu keinem anderen passten. Es könnte zwar jemand die Noten meiner Melodien singen, aber ich konnte mir keinen Sänger im Musikbusiness vorstellen, der diese Texte singen könnte.“
Der Grund dafür ist der tiefe lyrische Pathos, der sich zu gleichen Teilen aus den grimmigen Winter in Michigan und Posners einsamem Arbeitsprozess speist. „Die verrücktesten Ideen und Gespräche finden in meinem Kopf statt“, sagt Posner, „die Musik ist eine Möglichkeit, ein Fenster zu öffnen und Leute herein zu lassen.“
Während die Songs „Cooler Than Me“ und „Drug Dealer Girl“ – ein Lied über eine Lebensabschnittspartnerin, die seinem Herzen (und Marihuana) sehr nahe stand – lediglich seine inneren Dämonen beschreiben, ist das Titelstück des Mixtapes „Matter Of Time“ eine warnende Geschichte, die weit darüber hinaus geht. „Ich wurde von so vielen Leuten bedrängt, die alle mit mir arbeiten wollten“, erklärt Posner, „und mir wurde klar, dass alle diese Leute glaubten, wahnsinnig berühmt zu werden. Da dachte ich mir: ‚Es ist eigentlich nur eine Frage der Zeit, bevor ihnen klar wird, dass es die meisten von ihnen nicht schaffen werden’. Oder: ‚Es ist nur eine Frage der Zeit, bis sie es schaffen und irgendwann erinnert sich keiner mehr an sie’. Ob du der größte Star der Welt bist oder nicht – die Zeit wird dich besiegen.“
Posner selbst hat jedenfalls schon mal einen ziemlich guten Start hingelegt und sich vorgenommen, auch die nächsten 22 Jahre mit seiner Musik Glanz zu verbreiten. Angesichts seiner Fähigkeiten als Sänger, am Keyboard und am Studiomischpult klingt er mittlerweile allerdings weiniger wie ein Student, eher wie ein Meister seines Fachs. Und wenn er auf der Bühne steht und seine Beats und Akkorde koordiniert, während er das Publikum zu Mitsing-Refrains antreibt, dann sieht er auch wie einer aus.
Aber damit hört die Sache für Posner noch lange nicht auf. „Ich mache etwas, das kein anderer bisher getan hat oder tun kann, und ich habe das Glück, dass ich einen Plattenvertrag UND einen Schulabschluss in der Tasche habe“, sagt er und seine Stimme klingt so, als wenn sie sich nicht so ganz zwischen völliger Verwunderung und straighter Ehrlichkeit entscheiden soll. „Viele Menschen in meiner Situation würden vielleicht denken, dass man jetzt einfach nur das wiederholen muss, was man bisher gemacht hat. Aber ich bin mittlerweile schon so viel besser als ich es bei dem Mixtape war“. Und er verspricht: „Dieses Album wird der Wahnsinn.“







