Im aktuellen Musikgeschäft, das voll von One-Hit-Wundern ist, tritt R. Kelly das nächste Kapitel seiner bislang schon 18jährigen Erfolgsgeschichte an. Der in Chicago geborene dreifache Grammy-Gewinner ist der König des R&B; mit sechs Alben und elf Singles an der Spitze der Charts, sowie zwölf platinprämierten Alben in Folge. Und noch immer stellt der Sänger und Songwriter neue Rekorde auf. „Number One“ (featuring Keri Hilson), die erste Single aus „Untitled“, ist sein 35. Top10-Hit in den Billboard Hot R&B/Hip-Hop-Charts. Und damit nicht genug. Mit der Veröffentlichung hat Kelly den Rekord der meisten Top-10-Singles in diesen Charts gebrochen und damit Nat “King” Cole vom Thron geschlagen. Darüber hinaus steht er nun auf Platz sechs der männlichen Künstler und gemeinsam mit Sängerin Dinah Washington insgesamt auf Platz acht der größten Künstler in der Geschichte der Billboard R&B-Charts, die 1942 ins Leben gerufen wurden.
Solche Fakten sind natürlich beeindruckend. Aber zur Geschichte von R. Kelly gehört mehr als nur Statistik. Niemand verkauft zufällig über 34 Millionen Alben. Seitdem er 1992 zum ersten Mal in der R&B-Szene auftauchte, ist seine intuitive Fähigkeit als Sänger und Songwriter die große Konstante in Kellys musikalischer Gleichung. Genau wie seine Helden Curtis Mayfield, Donny Hathaway und Marvin Gaye verfügt Kelly über einen sechsten Sinn für die Wünsche und Bedürfnisse von Musikfans – und mit einem der charakteristischsten Tenöre im Geschäft versteht er es auch, diese zu erfüllen. Wie viele Künstler sind wandlungsfähig genug, um ohne Anstrengung zwischen Club-Grooves („Step in the Name of Love“) und inspirierenden Hymnen („I Believe I Can Fly“) umzuschalten, ohne dabei auch nur ein klein wenig Emotion zu verlieren?
R. Kelly geht niemals den einfachsten Weg. Wie alle bahnbrechenden Künstler geht die Soullegende aus Chicago auch weiterhin an seine Grenzen. Und genau das ist ein weiterer Schlüssel zu seinem dauerhaften Erfolg. Während andere damit zufrieden sind, Musik nach Vorgaben zu schaffen, mischt Kelly ständig neue Genres, um Traditionelles und Zeitgenössisches miteinander zu vereinen. Wer sonst wäre wohl selbstbewusst genug, eine Hip-Hop-Oper in 22 Teilen („Trapped In The Closet“) zu komponieren und seine Stimme daneben noch für zahlreiche Hits von Künstlern wie Usher („Same Girl“) oder Bow Wow („I’m A Flirt“) zur Verfügung zu stellen. Unerwähnt soll hier auch nicht bleiben, dass Kelly stets die erste Adresse gewesen ist, wenn Ikonen wie Whitney Houston, Celine Dion oder Michael Jackson auf der Suche nach einem neuen Song waren.
Das unermüdliche Genie von R. Kelly zeigt sich nun wieder auf „Untitled“, seinem ersten Album seit dem 2007er Werk „Double Up“: Intelligente und phantasievolle Texte über Lust, Verführung, Liebe und Herzschmerz vor einem mitreißenden und pulsierenden Hintergrund aus Rhythmus und Beats – der Künstler hat nichts von seinem Talent eingebüßt. „Das Album heißt ‚Untitled’, weil ich wollte, dass die Leute einen eigenen Namen finden, je nach dem was sie fühlen, wenn sie die Musik hören“, sagt Kelly.
Den Beweis dafür, dass er seinen Finger am Puls der Zeit hat, erbringt er unter anderem durch die Arbeit mit jungen Produzenten und Songwritern, die er für dieses erfrischende Projekt gewinnen konnte. „Ich wollte alles ein wenig aufmischen“, erklärt Kelly.
„Untitled“ wurde in Kellys Studio Chocolate Factory in Chicago und in Atlanta aufgenommen und bietet Kelly in Zusammenarbeit mit einem Team aus aufstrebenden und alteingesessenen Produzenten, unter anderem Infinity, Lil Ronnie, Chris Henderson und Soulshock and Karlin. Das Album hat bereits zwei Hitsingles hervorgebracht: Zunächst das Club-Groove-Stück „Number One“, gemeinsam mit Keri Hilson. „I’m in your mix like a #1 record“ singt Kelly, dessen gefühlvoller Tenor perfekt zu Hilsons frecher und doch ausgereifter Stimme passt. Und auch mit der zweiten Single „Religious“ beweist Kelly, dass er es immer noch versteht, eine Ballade anzugehen. Der Song ist eine rührende Ode an die starke Frau in seinem Leben: „There’s something church about you.“
Das fünfzehn Stücke umfassende Album beginnt mit dem ausgelassenen, beatlastigen Song „Crazy Night“, mit einem Gastauftritt des angesagten jamaikanischen Duos R. City. Darauf folgt das verspielte Stück „Whole Lotta Kisses“. Auf „Supaman High“ stellt Kelly gemeinsam mit OJ Da Juiceman eine bemerkenswerte Verbindung her, die in die lebendige Atomsphäre von „Be My #2“, mitproduziert von Jack Splash, übergeht. In einem Ansatz, Generationen miteinander zu verbinden, schließt sich Kelly für den Verführungs-Song „Pregnant“ mit Tyrese, Robin Thicke und The-Dream zusammen. Die geheimen Träume und Phantasien einer jeden Frau erfüllt Kelly mit „Echo“, einem stimmungsvollen Stück, das der Phantasie freien Lauf lässt: „I got you sounding like you’re screaming from a mountain peak... Let’s keep climbing.“ Und wer, wenn nicht der einzigartige Kelly, könnte selbst die Jodeleinlagen in diesem Song sexy klingen lassen? Aber allein schon der herzerwärmende, pianobegleitete Gesang auf „Elsewhere“ – einem weiteren Song über eine Liebe, die gescheitert ist – ist den Preis für die CD absolut wert.
Vor einigen Jahren sagte Kelly einem Journalisten gegenüber, dass das Studio sein Sauerstoff sei. Die Legionen von Fans, die ihm in den vergangenen zwei Jahren die Treue gehalten haben, müssen nun nicht länger mit dem Ausatmen warten. Die Magie von R. Kelly ist wieder da.







